Bein oder Sein?

Manchmal fühle ich mich, als wäre mein Leben schneller als jeder Sprint mit einer Sportprothese.

So viele Ziele, die man sich setzt und Erlebnisse, die es zu verarbeiten gilt. Viel zu oft lässt man das links liegen, hastet zum Nächsten, oder Übernächsten und genießt nichts von alle dem. „Ruh dich nicht auf deinen Lorbeeren aus“ vs. „nimm dir die Zeit, die du brauchst“. Ehe man sich versieht, ist wieder Ende des Jahres und man hat ganz vergessen, sich Zeit zu nehmen. Zeit für sich, Zeit für die Gesundheit und vorallem, für Dankbarkeit.

Weihnachten ist bekanntermaßen die Zeit der Besinnlichkeit und ich dachte mir, ich mache da mal mit und besinne mich auf all die Dinge, die ich ohne Beine kann und die ich trotz allen Rückschlägen erreicht habe. Eines meiner Ziele aktuell ist übrigens nicht das dritte Weihnachten in Folge mit Krücken zu verbringen. Bislang läufts ganz gut.

Ich habe schon oft gesagt bekommen: „Du bist so stark und andere jammern so viel“, aber ich bin selbst die größte Jammer-Queen! Nur eben nicht über die Sachen, über die ich vielleicht jammern könnte. Dinge wie zwei fehlende Unterschenkel, oder die vielen Narben, die mich zu dem Flickenteppich machen, als den ich mich manchmal spaßeshalber betitel. Ich jammer am liebsten über Kleinkram im Alltag. Vielleicht ein Beweis, dass man als Behinderter auch nur ein halbwegs normaler Mensch ist. Trotzdem habe ich mir vorgenommen, mir das abzugewöhnen. Stattdessen möchte ich dankbar sein und versuchen in allem etwas Gutes zu sehen. Dankbar für eine Familie, die für mich da ist, dankbar, dass auch ich für meine Familie da sein kann. So gemein die Krankheit gewesen ist und so hoch der Preis fürs Überleben war, ich würde ihn wieder bezahlen. Vielleicht klappt nicht immer alles so wie mit gesunden, oder zumindest vorhandenen Füßen, aber es geht und das ist die Hauptsache!

Die Technik ist so fortgeschritten, dass ich gehen kann wohin ich will. Deswegen möchte ich mich weniger beschweren, so weit laufen zu müssen, sondern mich freuen, dass ich es kann. Natürlich an Tagen ohne Druckstelle. Wenn ich eine Druckstelle habe, werde ich sehr wohl meckern und das wird sich auch nie ändern. 😀

Manchmal sehe ich inzwischen sogar Vorteile: Zum Beispiel war ich kürzlich auf dem Weihnachtsmarkt und die Freundin mit der ich dort war, hatte zum Schluss ziemlich kalte Füße. Da fiel mir natürlich schmunzelnd mein Blogname und dessen zweite Bedeutung ein. Ich kann bei Minusgraden auf dem Weihnachtsmarkt stehen und mir alles abfrieren, außer die Füße. Ich könnte mich sogar mit Ballerinas in den Schnee stellen (habe ich auch schonmal gemacht, mit 13 Jahren und meinen damaligen Lieblingsschuhen). Manche finden das jetzt vielleicht makaber oder sagen das ist „Galgenhumor“, aber für mich ist es die beste Art damit umzugehen. Entweder du siehst dein Leben als Tragödie, oder eben als tragische Komödie, mit potentiellem Happy-End. Genau diese Art von Humor begegnet mir außerdem sehr oft, meistens bei Leuten von denen manche denken, sie hätten weniger zu lachen. Glaubt mir auf den Prothesenevents fallen unter den Amputierten die makabersten Witze überhaupt. Und ich finde es großartig!

„Jeder Tag ohne Lachen, ist ein vergeudeter Tag“

ist für mich nicht nur ein kitschiger Spruch, sondern die Wahrheit. Es heißt für mich nicht, dass man nie traurig sein darf. Ich finde nur, man sollte es zulassen, rauslassen und dann wieder nach vorne blicken. Traurig sein ist nichts schlechtes, es ist menschlich. Man ist in der Lage zu fühlen, zu verarbeiten und die wirklich wichtigen Dinge wieder zu schätzen.

Im Großen und Ganzen geht es mir gut und es hätte wirklich weitaus schlimmer kommen können. Das kann es immer, aber irgendwie machen uns die Rückschläge und das was wir daraus machen, zu der Person die wir sind. Das ist mir klar geworden. Ich denke schon, dass ich durch die Krankheit ein anderer Mensch geworden bin und ich glaube nicht unbedingt ein schlechterer. Ich bin dankbar für all die Personen, die ich ohne die Behinderung wahrscheinlich nie getroffen hätte. Menschen die so viel Stärke in sich tragen und die mein Leben so bereichert haben, mit ihrer Geschichte, mit ihrer Freundschaft, mit ihrer Freude am Leben. Freunde, Familie, Ärzte und all die Situation, die mir gezeigt haben, dass es das wert ist zu leben, das es das wert war zu überleben und mich nie darüber nachdenken lassen daran, irgendetwas ändern zu wollen. All das würde ich nie wieder missen wollen!

Mir fehlen Beine und darüber kann man sich ärgern, nachwachsen wird da trotzdem nichts, darüber muss man sich im Klaren sein. Und wenn ich heute entscheiden müsste, ob ich die Krankheit gewinnen lasse, oder meine Beine verliere, ich würde wieder die Amputation wählen. Vielleicht ist das der Punkt, an dem man sein Schicksal angenommen hat und aufhört sich zu fragen „Was wäre wenn?“ Zurückblicken nützt nichts, denn es ändert nichts. Und akribisch planen lässt sich das Leben auch nicht, wie ich desöfteren feststellen musste. Denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Trotzdem kann man sich jeden Tag über etwas freuen. Egal ob Etappensieg, das Leben, oder einfach die Schokolade aus dem Adventskalender.

In diesem Sinne: Einen schönen zweiten Advent! ❄️

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2 Gedanken zu „Bein oder Sein?

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